„Eine Langzeitstudentin berichtet: Von Studienzweifeln zum Studienabschluss“

Ramona, 29 Jahre, Master Geoökologie, TU Braunschweig

„Soll ich das jetzt durchziehen?“ titelte ZEIT Campus im April 2011 zum Thema Studienabbruch. „Reiß dich zusammen! Studier weiter!“ und „Gib auf! Es hat keinen Sinn!“ schildert da eine Studentin ihre innere Zerrissenheit in Bezug auf ihr Langzeitstudium. Dieses Gefühlschaos und die damit verbundenen Selbstzweifel kannte ich mit meinen 16 Semestern nur zu gut. Im Mai 2016 entschied ich mich daher an der Gruppe für Langzeitstudierende der Psychotherapeutischen Beratungsstelle (PBS) des Studentenwerks OstNiedersachsens teilzunehmen.

Wochenpläne, Zeitmanagement, Leistungsansprüche und Lernstrategien standen auf dem Programm, und vor allem auch die Frage nach den eigenen Zielsetzungen: Was will ich eigentlich mit und nach meinem Studium machen? Wozu also studieren? Und ganz generell, was ist mir eigentlich wichtig im Studium, im Leben? Da war sehr schnell klar, dass ich nicht auf ein konkretes Ziel hin arbeitete. Ich studierte nicht aufgrund eines Berufswunsches, sondern um des Studierens willen. Das Studium selbst war bisher immer eigentlicher Zielpunkt gewesen. Beim Gedanken an die Zeit nach dem Studium fühlte ich eine große Leere im Kopf, ich konnte (und wollte?) sie nicht mit einem „Nach-Studium-Leben“ füllen.

Ich hatte einfach keine Lust mehr. Ich wollte mich nicht mehr weiter quälen, weder durch den Uni-Alltag, noch mit den vielen Semestern auf dem Buckel und diesen ständigen Zweifeln und dem Gefühl nicht voranzukommen. Aber was dann? Was macht man mit 8 Jahren Studium, mit einem 3-jährigen Master ohne Abschluss? Wie seine Brötchen verdienen und wie sein berufliches Leben dennoch sinnvoll gestalten? Welche Alternativen gibt es und wie finde ich heraus, welche davon zu mir passt? Und kann ich mich wirklich damit abfinden, mein Studium, nachdem ich so viel Zeit und Energie darin investiert hatte, einfach abzubrechen? Eine Ausbildung war für mich eigentlich nie eine Alternative gewesen. Wie kann ich also mein Studium doch noch beenden? Und wenn die Voraussetzung dafür eine konkrete Berufsperspektive ist, wie entwickle ich diese? Mit diesen Fragen im Kopf startete ich meine Suche nach weiteren Unterstützungsangeboten und stieß so auf das Beratungsangebot „Wegbereiter – Perspektiven trotz Studienabbruch“ für Studienzweifelnde.

Während der beiden Coaching-Gespräche im Dezember 2016 und April 2017 loteten wir gemeinsam mögliche Wege wie Ausbildung, Praktikum oder Pausieren für mich aus. Ich bekam sehr viele hilfreiche Methoden und Tipps an die Hand, wie ich weiter verfahren und wo ich mir weitere Unterstützung holen könnte, um eine konkretere Zielperspektive zu erarbeiten und mein Studium eventuell doch noch zu Ende zu bringen. Am besten gefiel mir am „Wegbereiter“-Coaching, dass ich ganz offen sein konnte und meine Sorgen, Ängste und Zweifel ernst genommen sowie sehr effektiv nach einer Lösung gesucht wurde. Es ging immer darum, den für mich bestmöglichsten Weg zu finden und mir ein breites Spektrum an weiteren Hilfsangeboten aufzuzeigen, aus denen ich das für mich passende auswählen konnte.

Letztlich habe ich dann doch den Weg Richtung Studienabschluss eingeschlagen – weil ich mir mit meiner Entscheidung für ein Studium und der Wahl meines Studienfaches ganz sicher bin und egal was genau danach kommt, ich es doch für mich abschließen möchte. Ich fühle mich gut mit dieser Entscheidung. Geholfen hat mir vor allem die aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken in einem Seminar zur Berufszielfindung und Potenzialanalyse des Career Service der TU Braunschweig, die Einteilung meiner restlichen Studienzeit in kleine Schritte mit Hilfe einer bereitgestellten Planungsmethode, die Beschäftigung mit möglichen Berufsfeldern, die erfolgreiche Bewerbung für ein Mentoring-Programm eines Berufsverbandes und für das Gruppencoaching des Gleichstellungsbüros der TU Braunschweig, sowie die Anmeldung für die Arbeitsstrukturierungsgruppe der PBS als Begleitung zur Masterarbeitsphase.

Das Bewusstmachen der eigenen Stärken, trotz oder gerade aufgrund meines langen Studiums, und das Gefühl, mit Angeboten wie dem „Wegbereiter“-Coaching nicht alleine zu sein, lässt mich heute den Satz sagen, den auch die Studentin am Ende des genannten Artikels in der ZEIT formulierte: „Den Rest schaffe ich jetzt auch noch.“ Und wenn nötig mit Hilfe von außen.

Foto: Ramona Reck/privat

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