Anna: „Gebt Euch nicht auf!“

Anna, 25 Jahre, arbeitet mit sozialwissenschaftlichem Bachelorabschluss in der Jugendberufshilfeberatung

Mein Bachelorstudium Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt interkulturelle Beziehungen habe ich in Fulda an der Hochschule gemacht und bin dann für den Master „Organisation, Governance, Bildung“ nach Braunschweig an die TU gekommen. Schon gegen Ende des ersten Semesters hatte ich Zweifel an meinem Studiengang, da entdeckte ich auf dem Gang zwischen zwei Vorlesungen den „Wegbereiter“-Flyer. Zu dem Zeitpunkt klang es für mich aber so, als ob die Beratung nur in Richtung Ausbildung geht, also habe ich es erstmal verworfen. Gegen Ende der Sommersemesterferien waren die Zweifel dann schon sehr stark. Innerlich hatte ich mich vermutlich schon fast zu dem Abbruch entschieden, wollte aber trotzdem gerne noch eine Beratung in Anspruch nehmen und habe mich dann eben an den Flyer erinnert, das Angebot nochmal gegoogelt und einen Termin vereinbart.

Es gab im Wesentlichen zwei Gründe, warum ich schon vor der Beratung zum Studienabbruch tendiert habe.

Zum einen war der Studiengang fachlich nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt habe, und auch den Anschluss zu den Kommilitonen hatte ich mir anders gewünscht. Ich komme zwar aus Braunschweig, aber meine Mitbewohnerin und ich, wir waren die einzigen, die hier an der TU noch niemanden kannten. Alle anderen Studierenden im Master waren scheinbar schon so ein eingespieltes Team. Außerdem haben alle außer mir schwerpunktmäßig eine Orientierung in Richtung Wirtschaft und Personalentwicklung gesucht, während ich eher in die soziale und Bildungsrichtung wollte.

Mir hat außerdem irgendwie der fachliche Austausch mit Mitstudenten oder Dozenten gefehlt, so wie ich es halt aus Fulda kannte. Dort war das Studium einfach unser Leben, unser Lebensinhalt, wir haben uns ständig darüber unterhalten. Hier hatte ich eher das Gefühl, dass es den anderen nur darum geht, schnell durchzukommen, den Schein zu bekommen und weiter. Ich bin hier also nie wirklich angekommen. Deshalb ging es mir auch psychisch immer schlechter.

Der andere Grund war ein privater Umstand. Mein Verlobter ist Kenianer, und ich war in den Sommersemesterferien bei ihm zu Besuch in Kenia. Wir haben darüber gesprochen, wie er nach Deutschland kommen kann und dann wurde irgendwie klar, wenn er hierherkommen möchte, dann muss ich erstmal Geld verdienen. Letztlich war das vielleicht der Auslöser zusätzlich zu meinen Zweifeln am Studiengang, der die Entscheidung herbeigeführt hat.

Insgesamt war ich drei Mal bei Inga von den Wegbereitern. Und ich weiß noch, beim ersten Termin musste erstmal alles raus: Die Sorgen und Zweifel, tausend Fragen, welche Möglichkeiten und Alternativen es überhaupt gibt. Danach war ich erstmal ziemlich erschlagen. Aber mir war schon klar, es geht in Richtung Direkteinstieg in Arbeit. Beim zweiten Termin ging es dann schon mehr um die Jobsuche:  Worauf muss man achten, was gibt es hier überhaupt so in der Region passend zu meinem Bachelor-Studium, Tipps zu Jobbörsen und Vorgehensweise usw. Ich habe mich auf der Jobbörse der Agentur für Arbeit und in Zeitungen umgeschaut, mich außerdem bei zehn verschiedenen Online-Jobbörsen angemeldet. Ich hatte mir die ganzen Apps davon runtergeladen, bin aber gar nicht dazu gekommen, überall ein Profil anzulegen. Denn Inga hat mir über einen Arbeitgeberkontakt der Wegbereiter auch noch einen Link zu einem passenden Jobangebot geschickt, für das ich sofort Feuer und Flamme war. Da passte für mich einfach alles zu den Wünschen und Vorstellungen, die wir zuvor im Gespräch herausgearbeitet hatten. Das Studium hatte ich angefangen mit dem Ziel, in die Erwachsenenbildung oder auch diskriminierungsfreie, politische Bildung zu gehen. Ich habe den Kontakt mit Menschen gesucht, aber auch eine Kombination aus Bildungsarbeit und Arbeit am Menschen. Zu guter Letzt wollte ich gern im interkulturellen Feld tätig sein. Diese drei Aspekte habe ich in dem Stellenangebot vorgefunden.

Zusätzlich zu den Bewerbungen, die ich geschrieben habe, bin ich dann auf Ingas Empfehlung hin auch zum Career Service der TU Braunschweig und zur Absolventenberatung der Agentur für Arbeit Braunschweig-Goslar gegangen. Bei letzterer bin ich erstmal in die Datenbank aufgenommen worden. Beim Career Service war ich leider erst einen Tag vor dem Vorstellungsgespräch bei besagter Stelle. Ich hatte aber meine Bewerbung mitgebracht und so hat Herr Ahlborn mit mir nochmal drüber geschaut. Das hat mir sehr geholfen, weil ich einen Tag vorher nochmal mit jemandem drüber sprechen konnte, wie man sich vorstellt, wie man sich präsentiert und wie man sich vielleicht aus den Schwachstellen des Anschreibens noch rausreden kann oder schöner formulieren, sollte man darauf angesprochen werden. Nach dem Vorstellungsgespräch war ich eigentlich nicht so zufrieden – es hat aber geklappt und kurze Zeit später konnte ich direkt anfangen dort zu arbeiten. So ging am Ende alles sehr schnell – ich hatte insgesamt drei Bewerbungen abgeschickt, bis die Zusage kam. Jetzt bin ich seit Mitte Oktober bei der Jugendberufshilfe und berate junge Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund. Eigentlich ist das wie Wegbereiter für eine etwas andere Zielgruppe: Das Projekt heißt Wegweiser.

Ich bereue es auf keinen Fall, dass ich das Studium abgebrochen habe. Aber ich denke, dass es ganz gut war, den Master angefangen zu haben. Hätte ich das nicht gemacht, hätte ich mich wahrscheinlich immer gefragt: Wie wäre es gewesen? Warum hast Du das nicht gemacht? Jetzt gerade könnte ich mir nicht vorstellen, wieder in Vollzeit zu studieren, denn ich brauche diesen geregelten Tagesablauf des Berufslebens. Weiterbilden möchte ich mich später vielleicht in einem berufsbegleitenden Master.

Ich kann anderen nur raten, sich nicht aufzugeben, sich Hilfe zu suchen. Man muss es nicht zu überstürzt angehen, man kann sich Zeit lassen. In sich reinhören, was man eigentlich möchte.

Für alle anderen in meinem Umfeld war es schon ein ziemlicher Schock. Aber ich war an einem Punkt, wo ich wusste, dass es so nicht weitergeht. Also habe ich daran festgehalten und mich nicht überreden lassen. Mein Umfeld war das nicht gewohnt von mir, da ich sonst eben immer deren Erwartungen entsprochen habe. Meine Familie fand es nicht so gut, dass Anna etwas abbricht und nicht zu Ende macht. Deshalb hat mir die Wegbereiter-Beratung sehr geholfen, denn ich habe mich schon von Anfang an dort sehr aufgefangen gefühlt. Es hat allein schon geholfen, dass da jemand ist, der objektiv mit der Situation umgeht – nicht die Familie oder Freunde, die sagen: „Mach doch weiter, denk an Deine Zukunft“ und so weiter – sondern dass jemand von außerhalb draufschaut und mit einem alle Möglichkeiten durchgeht.

Das hat mich in der Phase des Studienzweifels sehr gestärkt. Heute stärkt mich vor allem mein Arbeitsumfeld. Man bekommt so viel zurück, sieht Erfolge und wie die Personen, die ich berate, sich weiterentwickeln. Es war schon immer so, dass ich sehr stark das Bedürfnis hatte, anderen Menschen oder Lebewesen zu helfen. Und das sehe ich heute als meinen Lebenssinn: Mich für andere einzusetzen. Das erfüllt mich und macht mich glücklich.

 

 

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